Der Bergsturz von Goldau vom 2. September 1806

Ein Erlebnisbericht

«Joachim Kramer, Älpler am Rossberg, hatte gewarnt. Die Felsspalten seien breiter geworden und die untere, gegen Spitzibüöl schauende Felswand drohe sich loszutrennen. Aber niemand hörte auf ihn.
In seinem «Bergsturz und Menschenleben» schreibt der Geologe Professor Albert Heim, dass Zeit genug zum Fliehen vorhanden gewesen wäre. Aber niemand hatte den Berg ernst nehmen wollen.

 

Als Beispiel werden die Gebrüder Kaspar und Franz Beeler erwähnt, die nahe an der Schuttlinie wohnten und an jenem Nachmittag mit dem alten Dominik Horat gemütlich bei einem Gläschen Branntwein zusammensassen. Ein in der Nähe arbeitender Taglöhner machte sie auf die drohende Gefahr aufmerksam. Aber sie beschieden ihm, es hätte am Rossberg schon manchmal gedonnert und so möchten sie zuerst noch ein Pfeifchen rauchen. «Während der Taglöhner sich zu retten vermochte» berichtet der Chronist, «wurden die drei Sorglosen Opfer ihrer Gleichgültigkeit».
Heute würde man vielleicht weniger zweifeln. Heute weiss man, dass jener Bergsturz einer von zwanzig Bergstürzen ist, die vom Rossberg nieder  gegangen sind. Und dass Goldau nicht von Gold kommt, sondern von «golet» und das heisst Schutt.

 

Am 2. September 1806, abends zwischen 5 und 6 Uhr, kam der Berg. Innert drei, vier Minuten warf er 35 bis 40 Millionen Kubikmeter von der Höhe, die eine Fläche von 6 Quadrat-Kilometern bedeckten. Vier Ströme fuhren zu Tal, der erste gegen Oberarth, der zweite und dritte über das Dorf Goldau gegen die Rigihänge, und der vierte und grösste gegen Lauerzersee, den er um einen Siebentel verkleinerte, während vom Rossberg selber nur 1/1000 herunterstürzte.
Wie gesagt, der ganze Bergsturz dauerte nur drei, vier Minuten. Aber die Wirkung war gross. Ein gelbrotes Staubkleid über Goldau liess Feuersbrunst vermuten. Man sprach von einem umgestürzten Kohlenmeiler und von Revolution. Das Erschüttern des Bodens spürte man in Bürglen und in Buochs und am Walensee.

 

Es wurden 437 Menschen erschlagen, darunter 6 einer führnehmen Berner Reisegesellschaft. Aber 220 Menschen wurden gerettet. Es kamen 185 Hornvieh und 209 Schmalvieh um und 102 Häuser wurden zerstört.
Am Lauerzersee fanden durch die Springflut 10 Menschen zwischen Lauerz und Seewen den Tod. Häuser wurden zerstört, die am Seeufer waren, auch die Lauerzer Kirche bis auf den Turm.
Der Schaden war gross und das Elend, und weil der Regen anhielt, drohte aus dem toten Wasser der neuen Tümpel Typhusgefahr.
Hilfsmannschaften leisteten 16'000 Tagewerke und von 19 Kantonen gingen 120'000 Franken an Spenden ein, davon je ein Fünftel von Bern und Zürich.
Auch Gesindel gab es, das sich an der Katastrophe bereichern wollte.Fremde Bettler zogen in der Gegend herum und gaben sich als Geschädigte aus. Und eine amerikanische Gangsterbande sammelte in New York Spenden, angeblich für die Opfer, zum Teil anscheinend unter dem Schwyzer Staatssiegel. Diplomatische Demarchen waren notwendig beim amerikanischen Gesandten in Paris, um den Gaunern das Handwerk zu legen.

 

Schwyz hat den Arther Franz Xaver Triner, Schulmeister und Organist in Bürglen, aber auch vorzüglicher Zeichner und Kupferstecher, mit der Schaffung von zwei Bildern beauftragt. Das erste gibt einen Blick auf den Lauerzersee mit der Schwanau und Einzelheiten vom Bergsturz, den allein stehenden Kirchturm von Lauerz, ein am Ufer gestrandetes Holzhaus, sowie ein Schiff, auf dem ein Sarg transportiert wird. Auf dem anderen sieht man die Rossbergtrümmer vom Fallenboden aus.
Beide Bilder wurden gestochen. Die Druckplatten liegen heute auf dem Staatsarchiv des Standes Schwyz. Lory hatte laut dem Ratsmanual von 1807 einen Auftrag der Regierung. Und Spinnmaschinedüchlein waren bestellt worden. Über den Erlös weiss man nichts. Im Actum vom 20ten April 1808 «General-Übersicht über den Empfang und Verwendung aller Steuern, welche von den hochlöblichen Kantonen, Gemeinden und Partikularen in und ausser der Schweiz an den durch das Unglück vom 2ten September 1806 zu Goldau etc. erfolgten Schaden eingegangen sind», das einen Gesamtbetrag von 126'663 Franken ausweist, steht als Fussnote lediglich:
NB: Über den Verkauf und Ertrag der Spinnmaschinedüchlein, und Tableau der Schuttgemälde wird genaue Rechnung gehalten werden.»

 

Quelle: Felchlin, Max: Der Bergsturz von Goldau